to be falling
February 27, 2009
Lange Zeit drehte ich meine Runden um ein großes, tiefes dunkles Loch inmitten einer graubraunen Wüste, in der ewige Dämmerung herrschte. Mal bewegte ich mich weiter weg, mal ganz nah am Rand, und ich fragte mich, ob mich jemand auffinge, wenn ich den Schritt über den Rand wagte. Bis ich eines Tages beschloss, dass die Ungewissheit darüber sowie die Wüste quälender waren als ein Sturz jemals sein könnte. Außerdem bestand da ja die Chance, dass ich tatsächlich gefangen würde. Das war schließlich anderen früher schon passiert, ausgeschlossen war es also nicht. So schob ich einen Fuß an und über den Rand, langsam, behutsam. Und spürte die Leere, die sich unter meinen Zehen ausdehnte, unergründliche Tiefe, die einen endlosen Sturz zu versprechen schien. Kein unsichtbares Netz, das über das Loch gespannt war. Keiner, der kam und schrie, nein, tu das nicht. Keiner, der mich von hinten packte und zurückzog. Kein Wunder, das das Loch plötzlich verschwinden ließ. Ich zog den Fuß zurück und setzte mich auf den Boden, direkt neben den Abgrund, und begann erneut zu überlegen. Vielleicht sollte ich weggehen. Ganz weit weg. Aus dieser Wüste heraus. Aber ich wusste, dass die Wüste kein Ende hatte, nicht für mich, nicht, bevor ich nicht mutig genug gewesen wäre, mich der Ungewissheit zu stellen. In das Loch zu springen. Ja, möglicherweise war das der entscheidende Punkt: nicht zaghaft vortasten, sondern voll Vertrauen losgehen. Geradewegs über den Rand spazieren. Und genau das tat ich. Ich stellte mich auf meine beiden Füße, stemmte die Arme in die Seiten, sagte der Wüste und somit der mir bekannten Welt Lebewohl, verfluchte kurz meinen hoffnungslosen Optimismus und ging los. Da ich die Augen geschlossen hatte, bemerkte ich zunächst nur ein verändertes Gefühl unter meinen Sohlen: das war nicht der eingetrocknete, staubige Wüstenboden – das war… Ich öffnete die Augen, ganz vorsichtig, und sah: grün. Unter meinen Füßen breitete sich eine Wiese aus, nass vom Morgentau, übersät von Blumen, die im Licht der eben aufgehenden Sonne ihre Blüten entfalteten, orange, rot, gelb, blau, lila, und immer wieder orange. Neben mit stand jemand und lachte, und ich lachte mit, froh, den Schritt über den Rand gewagt zu haben. Doch als ich gerade seine Hand nehmen wollte, machte der andere ein bedauerndes Gesicht, trat etwas zur Seite, und ich fiel. Verschwunden all das Leben, all das Licht, die Wärme, die Freude, um mich herum nur zunehmend schneller verbeiziehende Wände, graubraun, wie die Wüste. Doch ich hatte ihn erwischt, zumindest an einem Finger, und vielleicht war er aus dem Gleichgewicht gekommen und stürzte nun ebenfalls, etwas über mir, durch die dichter werdende Dunkelheit. Vielleicht würden wir irgendwann, am Fuß dieses Schachtes, auf dem gleichen Boden landen, und vielleicht würden wir dort gemeinsam weiterlaufen. Weiterleben. Gehabt euch wohl.